Patientenbericht über die Therapie mit Velcade®

Bericht eines Patienten


Im Oktober 1998 erhielt ich die Diagnose Bence-Jones Lambda (?) -Leichtketten- Plasmozytom im Stadium III A. Ich war gerade 55 Jahre alt geworden und hatte bis auf Sportverletzungen keine Erfahrungen mit Krankheit. Nach einer Laminektomie im Bereich BWK 7-9 (Entfernung eines Tumors, der das Rückenmark stark einengte) und anschließender Strahlentherapie (36 Gray) unterzog ich mich im Jahre 1999 einer Tandem-Hochdosis-Melphalan Therapie mit autologer Blutstammzelltransplantation, durch die ich eine komplette Remission erreichte. Voran gegangen war die übliche Konditionierung zur Gewinnung der Stammzellen. Es stellte sich dabei aber heraus, dass ich auf Dexamethason ungünstig reagierte; zweimal musste ich deshalb mit Unter- bzw. Oberschenkelthrombosen stationär behandelt werden. Ab dem Jahr 2000 folgte eine Erhaltungstherapie mit Alpha-Interferon. Fast 2 ½ Jahre lang konnte ich mich dieses Zustandes erfreuen, war relativ leistungsfähig, engagierte mich in einer Selbsthilfegruppe (Myelom Hilfe München) und konnte auch in eingeschränktem Maße noch Sport treiben. Mein Arbeitgeber im öffentlichen Dienst hatte mich wegen der Erkrankung aber trotzdem in den Ruhestand versetzt. Ab dem Juli des Jahres 2002 trat die erste therapiebedürftige Progression des Plasmozytoms auf mit zunehmenden Osteolysen im Bereich LWS, der unteren BWS und der rechten Hüfte. Im August 2002 musste ich deshalb erneut zur Strahlentherapie (30,6 Gray).

Im Jahr 2001 wurde zusätzlich eine Hepatitis B festgestellt, die zwar behandelt wurde (Interferon, Lamivudin), inzwischen aber chronisch ist, d.h. die Leberwerte (GOT und GPT) liegen im Normbereich, nur die Virusbelastung ist nach wie vor ungewöhnlich hoch. Die Therapiemöglichkeiten wurden dadurch aber beeinträchtigt, weil ich kein Dexamethason nehmen durfte und eine weitere Hochdosis mit autologer Transplantation ein zu hohes Mortalitätsrisiko beinhaltete. Nach einer erneuten Bestrahlung im Januar des Jahres 2003 begann ich mit einer Thalidomid- Therapie ( 200 mg) und gleichzeitig wurde mit Cyclophosmamid (Endoxan) versucht der Progression Einhalt zu gebieten. Diese Therapie führte aber zu keinem durchschlagenden Erfolg; Thalidomid wurde ab April abgesetzt und die Endoxan – Infusionen führten stets zu einer dramatischen Blutwerteverschlechterung, so dass immer wieder mit Blutkonserven bzw. GSC-F (Neupogen) substituiert werden musste. Der Eiweißgehalt im Urin ging teilweise wieder zurück, um nach der Chemo wieder ansteigen bis zuletzt 14 g/je Liter (bzw. 1468 mg/dl) . Ende Juni 2003 wurden neue Osteolysen und Frakturen im Bereich HWS und Schädelbasis festgestellt.

Meine Hoffnungen ruhten nun auf einer Therapie mit dem Proteasom-Inhibitor PS 341, ein Mittel, das bisher nur in Studien eingesetzt wurde, an denen ich wegen meiner Hepatitis nicht teilnehmen konnte. Ende Mai erfuhr ich aus dem Internet, dass die amerikanische Medikamentenzulassungsstelle (Food and Drug Administration = FDA) das Mittel Velcade als rezeptpflichtig zugelassen hat. Mein behandelnder Arzt (Klinikum Innenstadt der Uni München) ging auf den Therapievorschlag ein und ich erhielt ein Rezept, mit dem meine Apotheke das Mittel aus den USA importieren konnte. Ein Therapiezyklus umfasst 4 intravenöse Spritzen (Tag 1, 4, 8 und 11), gefolgt von einer 10-tägigen Pause. Parallel zur Strahlenbehandlung (40 Gray) begann ich Anfang Juli mit der Therapie, die ambulant vorgenommen wurde und jeweils innerhalb von 5 Minuten erledigt war. Zur Vorbeugung erhielt ich vorher Navoban (Mittel gegen Übelkeit) und im Anschluß an die i.v.-Infusion noch etwas NaCl-Lösung.

Bei mir traten im Verlauf des Zyklus folgende Nebenwirkungen auf: Ca. 6 Std. nach der Infusion bekam ich Schüttelfrost, Fieber (teilweise über 39 Grad) und Schweißausbrüche. Am nächsten Morgen war alles wieder vorbei. Nachtschweiß blieb allerdings meistens mein Begleiter. Nach der 3.Spritze traten am Tag darauf erhebliche Muskelschmerzen (Oberschenkel und Wade) auf, die auch wieder nach 1 Tag vergingen. Zusätzlich bekam ich Verstopfung und verstärkte Polyneuropathie (Taubheitsgefühle in beiden Füßen), die zum Teil bereits vorher bestanden hatte (Folge von Chemo und Thalidomid). Die Leukozytenwerte und der Hb-Wert fielen stark ab (Tiefpunkt 1600 Leukozyten, 7,4 Hb) und auch die Thrombozytenzahl sank auf Werte zwischen 20 und 30-tausend ab; sicher war diese Verschlechterung des Blutbildes aber auch auf die parallele Radio-Therapie zurückzuführen. Zur Schmerzbekämpfung bekam ich anfangs MST (ein Opiat) und konnte dann auf Tramal long 200 umsteigen. Der zweite Zyklus verlief von den Nebenwirkungen ähnlich wie der erste und am 11. August wurde dann eine erste Kontrolle des Eiweißgehaltes im Urin vorgenommen.

Das Ergebnis war ganz verblüffend. Der extrem hohe Wert von Anfang Juli hatte sich auf den Normwert (< 15,0 mg/dl) von 7,6 mg/dl reduziert. Mitso einem durchschlagenden Erfolg konnte man kaum rechnen, da die einzige Phase II-Studie zum Einsatz von Velcade an 202 Patienten, die ähnlich wie ich einen Rückfall nach Hochdosis bzw. mehreren Therapien hatten und zudem noch gegenüber weiteren Chemotherapeutika schon Resistenz entwickelten nur eine Ansprechrate von ca. 30 % versprachen. Das Ergebnis ermutigte mich natürlich diese Therapie fortzusetzen. Nach der 2.Spritze des 3.Zyklus bekam ich allerdings einen großflächigen Herpes zoster (Gürtelrose) , der 1 Woche Klinikaufenthalt zur Folge hatte und zur Unterbrechung der Therapie zwang. Nach ca. 4 Wochen war diese Virusinfektion ausgeheilt und die Therapie wurde fortgesetzt (3. und 4.Zyklus). Die Urinuntersuchung ergab Mitte September immer noch eine Bestätigung der Remisson . Endgültig bestätigt wurde der Erfolg im November nach einer Knochenmarkbiopsie, die histologisch und Immunzytologisch keinen Befund ergab. Auch Immunfixation und Elektrophorese bestätigten die komplette Remision. An Nebenwirkungen ist allerdings eine starke Neuropathie (vor allem in den Füßen) verblieben, die mit Thalidomid bereits begann, sich nun verstärkt hat und wahrscheinlich irreversibel ist. Trotzdem ist diese Therapie ein echter Fortschritt in der Behandlung von rückfälligen und therapieresistenten Patienten. In Zukunft soll diese Mittel aber auch bereits in einem früheren Stadium zur Behandlung eingesetzt werden können. Entsprechende Studien sind in den USA bereits angelaufen. Erwähnen möchte ich noch, dass das Medikament sehr teuer ist (4 Ampullen für 1 Zyklus kosteten ca. 7200 Euro; inzwischen hat mein Apotheker ein günstigeren Importeur gefunden, der für 5500 Euro liefert). Da ich privat versichert bin und Beihilfeanspruch habe gab es bei mir keine Erstattungsprobleme. Allen Patienten würde ich raten sich wegen der Erstattungsfähigkeit vorher mit ihrer Krankenkasse in Verbindung zu setzen. Es sollte aber auch bei gesetzlichen Kassen keine Schwierigkeiten geben. Ich hoffe auch für andere Patienten, dass ihnen der gleiche Erfolg wie mir zu Teil wird und damit ein Therapieweg auch bei anderen möglich wird.