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5.Symposium der Myelom/Plasmozytom Hilfe München

07/18/2005 11:54:00 AM

Bericht über das 5.Symposium der Myelom/Plasmozytom Hilfe München (München, 15.Juli 2005)

ein Beitrag der SHG Myelom Hilfe München


Am Freitag,15.Juli 2005, fand zum 5. Mal eine Veranstaltung zum Plasmozytom/Multiplen Myelom für Patienten und Angehörige in München statt. Über 120 Personen aus ganz Bayern waren der Einladung gefolgt, zusätzlich auch Elke Weichenberger von der Myelom Hilfe Österreich und Johan Creemers aus Belgien als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Plasmozytom/Multiples Myelom (APMM) deutschsprachiger Selbsthilfegruppen.. Als Veranstaltungsort wurde dieses Mal die Medizinische Klinik Innenstadt des Klinikums der Universität München gewählt, wobei PD Dr. C.Straka, Leiter der Stammzelltransplantation der Med. Klinik Innenstadt als Gastgeber die Organisation unterstützte. Damit kehrte diese Veranstaltung zu diesem kleinen Jubiläum wieder an den Standort zurück, an dem 2001 die erste derartige Veranstaltung der MHM stattfand.

Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. M. Reincke, den Klinikdirektor, und durch den Leiter der Selbsthilfegruppe, standen 4 Vorträge auf dem Programm.

Pathophysiologie des Multiplen Myeloms

Zunächst erklärte Dr. Ralf Schmidmaier, von der Abteilung Hämatologie/Onkologie der Klinik Innenstadt, die Pathophysiologie des Multiplen Myeloms. Es gelang ihm hervorragend, dieses doch abstrakte Thema den Zuhörern nahe zu bringen und auch erfahrene Patienten gestanden später, zum ersten Mal die Grundlagen dieser Erkrankung verstanden zu haben. Ausgangspunkt ist das blutbildende Organ = Knochenmark. Hier werden die verschiedenen Blutzellen wie: weiße Blutkörperchen/Leukozyten (Untergruppe Lymphozyten, Granulozyten und Monozyten als Abwehrzellen), Thrombozythen zur Steigerung der Blutgerinnung und auch die roten Blutkörperchen/Erythrozythen mit eisenhaltigem Blutfarbstoff Hämoglobin als Sauerstofftransporter gebildet. Im Knochenmark entwickeln sich neben den blutbildenden Zellen auch die Zellen des lymphatischen systems, die Leukozyten.Die Lymphozyten werden nach ihrer Funktion und dem Ort ihrer Entwicklung in B- Lymphozyten (B=bone/Knochen) und T- Lymphozyten (T=Thymus) unterschieden. Die Immunglobuline (IgG, IgA, IgD, IgM, IgE) werden von ausgereiften und aktivierten B-Lymphozyten = sog. Plasmazellen produziert. Jede Plasmazelle bildet nur eine Art von Antikörpern/Immunglobulinen. Diese Antikörper sind Y-förmig und bestehen aus vier Bausteinen; zwei identischen äußeren, sog. schweren Ketten und zwei identischen innenliegenden leichten Ketten, verbunden durch eine Disulfidbrücke .Die Leichtketten sind vom Typ Kappa oder Lambda. Auf jeder Stufe der Zellteilung und –differenzierung kann es zu einer bösartigen Entartung der Zellen kommen, die dazu führt, dass die Zellreifung blockiert wird und dieser Zelltyp sich anhäuft und unsterblich wird. Die entartete Plasmazelle , die ungebremst Antikörper/Immunglobuline produziert, kann anhand des geänderten Gehalts an Immunglobulinen im Urin oder Blut nachgewiesen werden. Das einfachste Verfahren dafür ist die Eiweiß-Elektrophorese (mit 2 Zacken, eine eher qualitative Bestimmung, Angaben in %) und die quantitative Bestimmung (wesentlich genauere Bestimmung der Immunglobuline (Angaben in mg) und die Bestimmung der Leichtketten. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zum Anstieg der Paraproteine im Blut und dadurch zu Verdrängung der gesunden Hämatopoese (Blutbildung), daraus können sich Schwäche, Blutungen, Infektanfälligkeit etc.entwickeln. Zusätzliche Risiken bestehen durch Verstopfung der Nierenkanälchen durch Leichtketten; die Osteolysen am Sklelett, können zu Spontanfrakturen ( = Brüchen) , Schmerzen und Hyperkalzämie führen. Zum Schluss ging Dr.Schmidmaier noch auf die Ansatzpunkte der Forschung zur Therapieverbesserung ein. Das Mikroenvironment (die Zellumgebung) im Knochenmark und das Zusammenwirken mit den Stromazellen sichert den Krebszellen das Überleben. Hier gibt es die Ansatzpunkte für zielgerichtete Therapien, die schonender und evtl. wirksamer sind als konventionelle Chemotherapie.

Substanzen und Strategien in der Therapie des Multiplen Myeloms

Das 2. Referat beschäftigte sich mit den neuen Substanzen und Strategien in der Therapie des Multiplen Myeloms. Hier konnte als Referent Prof. Dr. H. Einsele aus Würzburg gewonnen werden, der zusammen mit Dr. Straka auch Leiter der Deutschen Studiengruppe Multiples Myelom (DSMM) ist. Er versuchte den Zuhörern zu erläutern, dass ausgehend von der Hochdosistherapie mit autologer Stammzell-Transplantation (SZT), die als Standardtherapie anerkannt ist, die Remissionsrate (komplette Remission = CR) durch Tandem HD bzw. durch Kombination mit Bestrahlung und verschiedenen Alkylanzien (Chemotherapie) gesteigert werden kann. So gibt es Studien bei denen Patienten noch 7 Jahre nach Tandem HD keinen Krankheitsfortschritt erkennen ließen bzw. noch in kompletter Remission sind. Bei der Hochrisikogruppe mit Veränderungen am Chromosom 13 (Del 13) versucht man die Lebenschancen durch eine reduzierte Vorbehandlung mit anschließender allogener Transplantation zu verbessern. Dadurch konnte auch das Alterspektrum für Patienten über 60 Jahre erweitert werden. Auch das Mortalitätsrisiko konnte damit unter 20% gesenkt werden. Prognostische Marker für die Therapie sind neben Del 13 auch das beta2-Mikroglobulin und ein erhöhter LDH-Wert.. Für Hochrisiko-Patienten wird ein Auto/Allo-Konzept angestrebt, wenn ein Spender gefunden wird, sonst wird wie bei den anderen Patienten eine zweite autologe Transplantation nach HD durchgeführt. Bei den neuen Substanzen ging Prof. Einsele vor allem auf Velcade ein. Es wurde dargestellt, dass in Studien Velcade vor HD die Remissionsraten erhöhen kann, wobei die Stammzellmobilisierung nicht behindert wurde. Es zeigte sich zudem, dass Velcade in Kombination mit Dexamethason und Adriamycin die Remissionsraten erhöht. Die Kombination von Velcade mit anderen Substanzen (v.a. Cortison) bringt auch beim Rezidiv merkbar bessere Ergebnisse. Allerdings sind beim Einsatz der Substanz ein Abfall der Blutplättchen und Neuropathien sehr häufig als Nebenwirkung zu beobachten. Die andere neue Substanz ist Revlimid (Lenamidomid). Hier läuft eine multizentrische Studie der DSMM, bei der Revlimid mit Adriamycin und Dexamethason kombiniert wird. Hier besteht Hoffnung für Patienten mit Rückfall, dass die Nebenwirkungen von Thalidomid – bei guter Ansprechrate – vermieden werden können. Endgültige Ergebnisse liegen aber noch nicht vor. Auch Arsentrioxid wird in Kombination mit Cyclophosphamid und hochdosiertem Vitamin C (1g/pro Tag) in einer Phase I/II Studie mit mind.4 bis maximal 6 Zyklen auf das Ansprechen untersucht. Von konventioneller Chemotherapie bis zur Hochdosis –Therapie gefolgt von Transplantion (auto oder allo) ergibt sich also ein breites Spektrum.

Erhaltungstherapien und supportive Maßnahmen

Nach der Pause sprach PD Dr. Straka dann über Erhaltungstherapien und supportive Maßnahmen. Da fast alle Patienten früher oder später einen Rückfall erleiden, gilt es die erreichten Remissionen über längere Zeit zu sichern. Interferon-Alpha zeigte zwar in Studien einen Vorteil von 6-7 Monaten, hier müssen aber die z.T. die erheblichen Nebenwirkungen (Leistungsminderung, Schwäche, evtl. depressive Verstimmung) mit der Beeinträchtigung der Lebensqualität beachtet werden und deshalb ist keine Empfehlung über eine sinnvolle Therapiedauer möglich. Auch Steroide (Cortisonpräparate wie Decortin, Fortecortin) können allein oder in Kombination zur Erhaltung beitragen. Auch hier sind aber Probleme (Gewichtszunahme, Bluthochdruck, Thrombose, Infektionen) zu beobachten. Thalidomid in der Erhaltungstherapie ergab in einer Studie weniger Skelettereignisse, längere ereignisfreie Zeit aber keinen Gesamtüberlebensvorteil. Nachteil ist die hohe Nebenwirkungsrate, insbesondere Neuropathie (Nervenstörungen an Händen und Beinen). Auch Velcade (Bortezomib) wird nach HD-Therapie zur Erhaltung eingesetzt; man beginnt 2 Monate nach der 2.Transplantation, dann nur 1 Injektion pro Woche, mit 1,6mg/qm Körperoberfläche. Ein Zyklus dauert dann 4 Wochen, anschließend 2 Wochen Pause. Dies wird 4mal wiederholt. Supportiv setzt man vor allem auf die Behebung der Anämie durch Erythtropoetin mit dem Ziel den Hb-Wert zu erhöhen, Bluttransfusionen zu vermeiden und die Lebensqualität zu steigern. Einsatz erfolgt bei Hb< 10g/dL mit einem Zielwert von 12g/dL. Entweder wird 3mal wöchentlich oder 1mal wöchentlich subkutan ( unter die Haut, nicht in die Vene) je nach Präparat.Die Anspechtrate liegt zwischen 35% und 78%. Nach vier Wochen lässt sich eine Voraussage für das Ansprechen machen. Gesichert ist vor allem der Stellenwert der Bisphosphonate in der Supportiv- aber auch Erhaltungstherapie. Dabei ist der optimale Zeitraum für die Anwendung nicht bekannt (aber mindestens 12 Monate) ansonsten unbegrenzt bis schwere Nebenwirkungen auftreten. Probleme können durch eine Verschlechterung der Nierenfunktion (Infusionsdauer nicht zu kurz wählen) und durch Osteonekrosen der Kieferknochen auftreten (Laut einer Untersuchung der IMF 2004 waren von 904 Patienten 62 betroffen und 54 hatten verdächtige Befunde). Empfehlungen sind gute Zahnpflege, konsequente Antibiotikatherapie, Verzicht auf chirurgische Maßnahmen, Pause bei der Bisphosphonatgabe, keine Implantate. Letzte Neuerung: Ein Medikament zur Minderung der oralen Mukositis, KGF (Palifermin), zeigte in einer Studie deutliche Vorteile für Patienten in der Hochdosis.

Hilfe durch Psychoonkologie

Zum Abschluss kam Frau Dr. Bumeder, Fachärztin für Innere Medizin und langjährige Mitarbeiterin in der Hämatologie der Uni-Klinik München zu Wort Es ging um das Thema: Hilfe durch Psychoonkologie. Der Beitrag befasste sich mit den Erwartungen der Patienten, der Entwicklung und dem Stellenwert der Psychoonkologie in der Krebstherapie.Dazu stellte sie die Ergebnisse der Lebensqualitätsstudie vor, diue zeigte, dass Patienten, die sich aktiv mit ihrer Krankheit auseinandersetzen, bessere Chancen bei der Krankheitsbewältigung und folglich höhere Lebenserwartung hatten. Die wichtigste „Waffe“ im Rahmen der kurzzeitpsychotherapie zeigte sich in Interaktionen zwischen Träumen und geführten Imaginationen. Die möglichen Hilfen für die Patienten sieht die Referentin in Gruppen- oder Einzeltherapie, Imaginations-/Visualisierungstherapie, Kunst-, Musiktherapie usw. Zum Nachlesen empfahl sie das Buch von Tanja Diamantidis: „Den Krebs bewältigen“ erschienen im Trias Verlag.

Es gab genügend Gelegenheit die Referenten zu befragen und auch die Pause mit Verpflegung gab Gelegenheit zur Information und Gesprächen. So belohnte lang anhaltender Beifall am Ende die gelungene Organisation und die patientengerechte Darstellung der Inhalte durch die Referenten. Weitere Infos per e-mail: MHM-Stadtbuero@myelom.info oder tel. 089-54884043 (Di 10-14 Uhr).