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Jahrestagung der Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie 2005

10/11/2005 10:58:00 AM

Univ. Prof. Dr. Johannes Drach

Medizinische Universität Wien
Univ. Klinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Onkologie
Programmdirektor für Multiples Myelom und maligne Lymphome

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Bericht von der Gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie (Hannover, 1. –

5. Oktober 2005)

Durch das gesamte Kongressprogramm waren Beiträge betreffend des multiplem Myeloms (MM) verteilt, was die Aktualität des Themas unterstreicht.

In einer Plenarsitzung gab Herr Prof. Einsele (Univ. Würzburg) einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Hochdosistherapie bei MM-Patienten (biologisches Alter unter 65 Jahren). Anhand der aktuellen Studienlage wird die hochdosierte Melphalan-Therapie mit autologer Stammzelltransplantation empfohlen; falls keine komplette bzw. fast-komplette Remission (mehr als 90%ige Rückbildung des Paraproteins) erreicht wird, soll eine zweite Hochdosistherapie im Sinne einer Doppeltransplantation angeschlossen werden. Unmittelbar im Anschluss berichtete Dr. Knauf (Univ. Frankfurt) über eine Datenerhebung, welche Therapie MM Patienten in Deutschland tatsächlich erhalten hatten. Diese Analyse umfasste ein Quartal aus dem Jahre 2004 mit etwa 500 MM Patienten. Überraschend war, daß nur etwa 30% der Patienten einer autologe Transplantation, also der Standardtherapie, zugeführt wurden. Die genauen Hintergründe bedürfen noch weiterer Analysen. Der Anteil von Patienten in klinischen Studien lag unter 15%.

Die Sitzung mit den freien Vorträgen zum Thema MM enthielt einen bericht von Herrn Prof. Ludwig (Wien) über eine Zwischenauswertung der laufenden Studie mit Thalidomid/Dexamethason im Vergleich zu Melphalan/Prednisolon in der Erstlinienbehandlung. Bei 145 ausgewerteten Patienten ergab sich ein deutlicher Trend für verbesserte Remissionsraten im Behandlungarm mit Thalidomid/Dexamethason. Auch die Zeit bis zur Remission war kürzer, ebenso wurden mehr komplette Remissionen beobachtet. Im Nebenwirkungsprofil zeigen sich Unterschiede, die neben den bekannten Thalidomid-Effekten (Müdigkeit, Neuropathie) auch eine höhere Rate an thrombembolischen Komplikationen umfasst. Insgesamt wurde die Therapie jedoch trotz des Alters der Patienten (im Mittel 72 Jahre) gut toleriert, und etwa ein Drittel der Patienten tolerierte die Zieldosis von 400 mg Thalidomid über die gesamte Phase der Induktionstherapie. Zwei Beiträge aus der Arbeitsgruppe von Prof. Döhner/Dr. Liebisch (Universität Ulm) bestätigten den Stellenwert der Zytogenetik für die Prognose des MM. Eine Veränderung am Chromosom 9 (Zugewinn von 9q34) war dabei mit kurzer Überlebenszeit nach autologer Transplantation assoziiert. Schliesslich wurden auch zwei gänzlich neue therapeutische Ansätze diskutiert: Die Möglichkeit, einen intrazellulären Signalweg in Myelomzellen zu blockieren (über ein Molekül, welches Notch2 genannt wird), sowie über einen immunologischen Ansatz, der Myelomzellen und Abwehrzellen des Körpers, sog. NK-Zellen, zusammenbringt. Diese Untersuchungen befinden sich derzeit im präklinischen Stadium.

In einem Kongress-begleitenden Symposium wurde der Stellenwert von Thalidomid besprochen. Herr Dr. Glasmacher (Bonn) präsentierte dabei die wesentlichen Aussagen eines Konsensus-Papiers, welches gemeinsam von den Deutschen und Österreichischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie erarbeitet wurden. Dieses mehr als 50 Seiten umfassende Dokument ist mittlerweile auch auf den Homepages der beiden Gesellschaften veröffentlicht.

Ein weiteres Symposium widmete sich gänzlich dem Thema Bortezomib. Die aktuellen Studiendaten, vor allem der sog. APEX-Studie (randomisierter Vergleich von Bortezomib versus nochdosiertem gepulstem Dexamethason bei vorbehandelten MM Patienten), wurden zusammengefasst. Die APEX-Studie mit dem Vorteil für Bortezomib (sowohl Remissionsraten als auch Überlebenszeit) bildete bekanntlich die Grundlage für die Zulassung von Bortezomib als Zweitlinientherapie beim MM. Auch die Handhabung wichtiger Nebenwirkungen (Neuropathie, Thrombopenie) wurde besprochen. Im Rahmen dieses Symposiums wurde auch ein vielbeachteter Erfahrungsbericht des Leiters der Myelom Hilfe München, der mittels Bortezomib behandelt wurde, präsentiert. Diese Darstellung aus unmittelbarer Patientensicht deckte sich mit den Erfahrungen aus den klinischen Studien.

In den beiden Postersitzungen wurden im wesentlichen Detailergebnisse zu den genannten Themenbereichen präsentiert. Besonders zu erwähnen sind noch zwei Studien, welche die Stammzellmobiliserung unter Verwendung eines neuen Wachstumsfaktors untersuchten. Dabei wurde eine langwirksame Form des bisherigen G-CSF (sog. Peg-Filgrastim) eingesetzt, was den Vorteil einer nur einmaligen Injektion im Vergleich zur bisher üblichen mehrtägigen Injektion (dabei jeweils morgens und abends) besitzen würde. Erste Erfahrungswerte mit der neuen Substanz lassen den Schluss zu, dass die Stammzellmobiliserung in gleicher Weise wie mit dem bisherigen Schema erfolgt, was bei Bestätigung der Daten eine wesentliche Vereinfachung und möglicherweise auch weniger Nebenwirkungen (Knochenschmerzen) bedeuten würde.