Archive for November, 2006


Jahrestagung der Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie 2006

11/10/2006 11:05:00 AM

Univ. Prof. Dr. Johannes Drach

Medizinische Universität Wien
Univ. Klinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Onkologie
Programmdirektor für Multiples Myelom und maligne Lymphome

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Bericht von der Jahrestagung der DGHO/ÖGHO/SHG in Leipzig
4.–8. November 2006

Das Multiple Myelom (MM) war – aufgrund der aktuellen Entwicklungen – wiederum ein Thema von zahlreichen Sitzungen im Kongreßprogramm. Diese lassen sich folgendermassen zusammenfassen.

Meine eigene Präsentation hatte die monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS) und das „smoldering myeloma“ (SMM) zum Thema. Dabei handelt es sich um die frühesten Formen von Plasmazell-Erkrankungen. Aktuelle Empfehlungen zur genauen Diagnostik stützen sich auf Nachweis eines Paraproteins und (geringe) Knochenmarksinfiltration durch Plasmazellen, jedoch Fehlen von Organmanifestationen. Dies stellt die Abgrenzung zum symptomatischen Myelom dar, welches dann behandlungsbedürftig ist. Organmanifestationen sind Anämie, eingeschränkte Nierenfunktion, Knochenläsionen oder ein erhöhter Kalziumspiegel im Blut. MGUS und SMM werden nicht behandelt, sondern regelmäßig beobachtet. Wichtige Risikofaktoren für ein Fortschreiten zu einem symptomatischen MM sind vor allem ein relativ erhöhtes Paraprotein sowie das Vorliegen eines IgA Proteins. Beim MGUS kann auch die veränderte Ratio der freien Leichtketten als Prognosefaktor dienen.

Herr Prof. Einsele (Universität Würzburg) gab in seinem Referat einen Überblick über den Stellenwert der Stammzelltransplantation beim MM. Für Patienten unter 65 Jahren stellt dies weiterhin die Standardtherapie dar, wie durch eine Reihe von klinischen Studien belegt. Anhand der Ergebnisse der französischen Studiengruppe IFM soll die Behandlung als sog. Doppeltransplantation geführt werden, wenn nach der ersten Transplantation noch keine komplette Remission (bzw. fast-komplette Remission) erreicht werden konnte. Derzeit wird in Studien untersucht, ob durch die Verwendung der sog. neuen Substanzen vor allem vor Transplantation eine Verbesserung des Therapieergebnisses erreicht werden kann. Ebenso ist der Stellenwert der Erhaltungstherapie mit neuen Substanzen noch wenig untersucht. Lediglich eine Studie liegt mit Thalidomid vor, wobei eine Verlängerung der Zeit bis zum Krankheitsfortschreiten dokumentiert wurde (IFM-Studie). Nachteilig wirkt sich allerdings das Nebenwirkungsspektrum von Thalidomid aus, sodass nur eine Minderzahl der Patienten die Behandlung länger als ein Jahr tolerierte. Nach wie vor kontroversiell ist die Beurteilung der allogenen Transplantation, also die Verwendung von Stammzellen von einem Geschwister- bzw. Fremdspender. Der Vorteil besteht in einer stärkeren Wirkung der Spenderzellen gegenüber den Myelomzellen, da ja ein funktionierendes Immunsystem „mit-transplantiert“ wird. Darin besteht aber auch das Risiko, indem diese Abwehrreaktion auch Organsysteme des Empfängers betreffen kann. Aus diesem Grund liegen nach wie vor keine Ergebnisse vor, welche in den Überlebenszeiten einen Nutzen der allogenen Transplantation gegenüber der autologen Stammzelltransplantation dokumentieren würden. Heftig diskutiert wird auch die frage, ob dieses Therapieverfahren für Patienten mit Risikofaktoren (z. B. hohes beta-2-Mikroglobulin oder ungünstige Chromosomenveränderungen) oder ohne solche Faktoren besser geeignet ist. Es wird empfohlen, die allogene Transplantation weiterhin nur im rahmen von klinischen anzuwenden, um die offenen Fragen in Zukunft beantworten zu können, und das damit verbundene Risiko begrenzen zu können.

Herr Dr. Pönisch (Klinik Leipzig) gab eine Übersicht über den Stand der sog. neuen Substanzen. Diese haben die Behandlungsmöglichkeiten revolutioniert, nachdem Jahrzehnte klinischer Forschung zu keiner Verbesserung geführt haben (kein Vorteil diverser Polychemotherapie-Schemata gegenüber Melphalan/Prednison [MP]). Ende der 90-iger Jahre wurde Thalidomid in die Therapie des MM eingeführt, und es hat mittlerweile einen fixen Stellenwert erlangt (sowohl in der Rezidivtherapie als auch in Kombinationen in der Erstlinientherapie). Limitierend ist allerdings die Nebenwirkungsrate (Polyneuropathie, Müdigkeit, Thromboserate). Vielversprechend ist deshalb das Nachfolgeprodukt Lenalidomid, welches in Kombination mit Dexamethason sehr wirksam in der Rezidivbehandlung des MM ist. Vorteilhaft ist vor allem das Nebenwirkungsprofil, welches vor allem keine Polyneuropathie beinhaltet. Zu beachten ist die Auswirkung auf das Blutbild (Erniedrigung der weissen Blutkörperchen). Weiterhin wird auch bei Lenalidomid die vorbeugende Gabe von Medikamenten zur Thromboseprophylaxe empfohlen. Weit entwickelt in der MM-Therapie ist bereits der Proteasomeninhibitor Bortezomib. Kombinationen von Bortezomib mit Dexamethason und Thalidomid bzw. Chemotherapie sind nicht nur im Rezidiv, sondern insbesondere in frühen Phasen der MM-Therapie besonders effektiv. Klinische Studien müssen nun klären, inwieweit die hohen Remissionsraten auch zur Verlängerung der Überlebenszeit beitragen.

Wissenschaftliche Symposien

Ein Symposium hatte die Präsentation betreffend neuer Strategien in der Erstlinientherapie zum Thema. Dabei wurden zwei rezente Studien präsentiert, welche Thalidomid kombiniert mit MP untersuchten (Studien aus Turin und Frankreich). Beiden Studien belegten den Vorteil von Thalidomid + MP gegenüber MP alleine. Dabei zeigt sich nicht nur eine Verbesserung der Remissionsraten, sondern vor allem eine Verlängerung der progressionsfreien Zeit. In der französischen Studie liegt auch eine eindrucksvolle Verlängerung der Gesamtüberlebenszeit vor. Nachteilig sind die bekannten Nebenwirkungen von Thalidomid (Thrombosen, Neuropathie). Diese Studien legen den Schluss nahe, dass in Zukunft die Kombination von MP mit einer neuen Substanz der neue Therapiestandard für Patienten, welche nicht für die Hochdosistherapie qualifizieren, darstellen wird.

In einem weiteren Symposium wurden die Ergebnisse der Therapiestudien mit Bortezomib zusammengefasst. Wie bereits oben dargestellt, ist Bortezomib aus der Therapie des MM nicht mehr wegzudenken. Die Rezidivtherapie ist bereits gut etabliert (und dafür liegt bislang die Zulassung vor). Für die Erstlinientherapie sind allerdings noch Studiendaten erforderlich. Erste Daten der Kombination von Bortezomib mit MP zeigen eine beeindruckende Remissionsrate einschliesslich mindestens 30% komplette Remissionen.

Die Bestimmung der sog. freien Leichtketten und die Bedeutung für die Diagnostik und Verlaufskontrolle der Plasmazellerkrankungen wurde ebenfalls ausführlich besprochen. Dieser Bluttest stellt eine Erweiterung der bisherigen Labortests dar und ist vor allem durch die hohe Sensitivität gekennzeichnet. Der freie-Leichtketten-Assay ist vor allem zur Diagnostik und Verlaufskontrolle von Patienten mit Leichtketten-Myelom und sog. asekretorischem MM geeignet. Neueste Daten weisen darauf hin, dass ein rascher Abfall der freien Leichtketten der früheste Indikator für ein therapeutisches Ansprechen darstellt. Der freie Leichtketten-Assay kann auch bei der Amyloidose und anderen, seltenen Plasmazell-Erkrankungen eingesetzt werden.

Wissenschaftliche Sitzung mit freien Vorträgen

Diese Sitzung beinhaltete 4 Vorträge zu sehr unterschiedlichen Themen:

Von der Universität Würzburg kam ein Beitrag, der sich mit der Bedeutung der sog. Hitzeschock-Proteine für die Entstehung des MM beschäftigte. Molekularbiologische Untersuchungen zeigen in eindrucksvoller Weise, dass diese Proteine eine wichtige Rolle bei der Übertragung von Wachstumsfaktorsignalen in das Zellinnere der MM-Zellen darstellen. Diese Ergebnisse bilden die Basis dafür, dass Medikamente zur Blockade der Hitzeschockproteine in der Behandlung des MM in Zukunft getestet werden.

Untersuchungen an der Universität Ulm zeigen, dass genetische Veränderungen häufig bei der monoklonalen Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS) zu finden sind. In manchen Fällen ergibt sich sogar kein Unterschied zu den Befunden beim Myelom. Für ein Risiko der Transformation von MGUS zum Myelom lassen sich aber nach wie vor keine verlässlichen Schlüsse ableiten.

Eine Arbeitsgruppe aus Berlin beschäftigt sich schon seit langer Zeit mit den Knochenveränderungen beim Myelom. Nun konnte gezeigt werden, dass Bortezomib eine starke Wirkung auf Osteoklasten hat (Osteoklasten sind diejenigen Zellen, welche im Körper für den Knochenabbau verantwortlich sind und beim Myelom so stark aktiviert sind). Bortezomib hemmt dabei die Funktion der Osteoklasten, sodass – neben den Wirkungen auf die Myelomzellen selbst – hier ein zusätzlicher, günstiger Wirkmechanismus vorliegt.

Schliesslich wurde von der Klinik Leipzig über die Erfahrungen der allogenen Transplantation bei 31 Patienten mit Myelom berichtet. Das Behandlungskonzept bestand aus einer autologen Transplantation, gefolgt von einer allogenen Transplantation nach Dosis-reduzierter Konditionierung (auch umgangssprachlich als „mini-allo“ Transplantation bezeichnet). Die berichteten Ergebnisse sind in Übereinstimmung mit anderen Erfahrungsberichten: Stark vorbehandelte Patienten haben offensichtlich keinen Nutzen von dieser Strategie, während einige Patienten bei frühem Einsatz mit Langzeitremissionen rechnen können. Eine Analyse der Risikofaktoren steht noch aus. Bei Verwendung von Fremdspendern wurden wesentlich höhere Komplikationsraten als bei Familienspendern gesehen.

In Postersitzungen wurden weitere Ergebnisse zu den bereits dargestellten Themen präsentiert. Die genannten Befunde und Beobachtungen wurden dabei weiter untermauert.

Zusammenfassung

Auch diese Tagung zeigte wieder, welche Fortschritte in der Therapie des MM in den letzten 3 – 5 Jahren erreicht wurden. Relevante, neue Studiendaten wurden zwar jetzt nicht vorgestellt, aber darauf warten alle – wie jedes Jahr – auf die Jahrestagung der American Society of Hematology (ASH-Meeting), das Anfang Dezember abgehalten wird.


Lenalidomid

11/10/2006 10:58:00 AM

Orale Therapie gegen Multiples Myelom

Das neue Medikament Lenalidomid zeigt gute Ansprechraten beim Myelom.

Ein Bericht von Univ-Doz.Dr.Eberhard Gunsilius Universitätsklinik für Innere Medizin Innsbruck Abteilung Hämatologie und Onkologie.


„Lenalidomid gehört zu einer neuen Klasse von Wirkstoffen, die man IMIDs® nennt und die aus der Grundsubstanz Thalidomid entwickelt wurden“, erklärte Priv.-Doz. Dr. Axel Glasmacher, Hämatologe und medizinischer Direktor der Firma Celgene Deutschland, bei der gemeinsamen Jahrestagung der DÖSGHO in Leipzig im Oktober 2006. Diese IMIDs zeichnen sich durch zumindest fünf verschiedene Wirkungsweisen aus:

  • Sie wirken entzündungshemmend
  • Sie stimulieren bestimmte weiße Blutkörperchen (T-Zellen und natürliche Killerzellen)
  • Sie wirken der Neubildung von Blutgefäßen (in Tumoren) entgegen
  • Sie hemmen die Vermehrung von Tumorzellen (z.B. Myelomzellen)
  • Sie fördern die Neubildung normaler roter Blutkörperchen

Nicht alle IMIDs haben alle diese fünf Wirkungen im gleichen Ausmaß. So hemmt Lenalidomid vor allem die Vermehrung von Myelomzellen sowie Entzündungen durch Blockade bestimmter Botenstoffe (z.B. TNF-?) und führt zur Stimulation bestimmter weißer Blutkörperchen. Als zusätzlicher Vorteil dieser neuen Substanz ist die patientenfreundliche orale Darreichungsform anzusehen.

Wirkung bei Multiplem Myelom

Auf dem Leipziger Kongress wurden zwei internationale Studien vorgestellt, an denen jeweils ca. 350 MM-Patienten teilnahmen. Alle waren stark vorbehandelt, z.B. mit Thalidomid oder Bortezomib. 60% hatten bereits eine Stammzelltransplantation und eine hoch dosierte Therapie mit Dexamethason erhalten. Diese Patienten wurden nun in zwei Gruppen geteilt. Die eine erhielt Dexamethason alleine, die andere sowohl Lenalidomid als auch Dexamethason. Das eindeutige Ergebnis: Die Ansprechraten lagen unter der Kombinationsbehandlung Lenalidomid/Dexamethason bei fast 60%, unter Dexamethason alleine nur bei etwas über 20%. In beiden Studien war auch die Zeit bis zum Fortschreiten der Krankheit unter der Kombinationstherapie verlängert. Auch die Gesamtüberlebenszeit war zumindest in einer Studie verlängert. Die wichtigsten Nebenwirkungen, die in diesen Studien auftraten, waren ein Absinken der weißen Blutkörperchen (Neutropenie), der roten Blutkörperchen (Anämie) und der Blutplättchen (Thrombopenie), weiters Magen-Darm-Beschwerden. Alle diese Nebenwirkungen waren jedoch gut handhabbar. Auffallend war, dass Thalidomid-typische Nebenwirkungen wie Neuropathie oder Sedierung unter Lenalidomid kaum beobachtet wurden.

Auch mit anderen, bekannten Substanzen kann Lenalidomid bei MM kombiniert werden. So gab es neulich eine kleinere Studie mit 33 MM-Patienten, die entweder ein neuerliches Auftreten der Erkrankung zeigten oder nicht auf die bisherige Therapie ansprachen. Dabei wurde Lenalidomid mit dem Zytostatikum Doxorubicin und mit Dexamethason kombiniert. Die Ergebnisse waren bei zwei Drittel der Patienten positiv. „Sowohl die Ergebnisse mit Lenalidomid bei neu aufgetretenem als auch bei therapieresistentem bzw. wiederaufgetretenem MM sind vielversprechend“, so Univ.-Prof. Dr. Hermann Einsele, Direktor der Klinik und Poliklinik II, Würzburg.

In Österreich ist Lenalinomid (Revlimid®) noch nicht zugelassen. Im Rahmen einer Studie ist es erhältlich oder es kann in bestimmten Fällen nach Beantragung von der Krankenkasse erstattet werden.


PatientInnen-Umfrage 2006

11/10/2006 8:26:00 AM

Anonyme Umfrage über die Qualität
der medizinischen Versorgung von PatientInnen
mit Plasmozytom / Multiplem Myelom in Österreich

Die der Umfrage zu Grunde liegenden Fragebögen wurden in Papierform an alle Mitglieder der Selbsthilfegruppe „Myelom Kontakt Österreich“ verteilt, in Spitälern und bei Veranstaltungen aufgelegt und waren auch online ausfüllbar. Insgesamt konnten 97 Fragebögen für die Auswertung herangezogen werden. Die Befragung wurde im Oktober und November 2006 durchgeführt.

  • Ergebnis der Umfrage 2006 [PDF Dokument]

Die vorliegende Studie wurde in Kooperation mit der WissenschaftsAgentur der Universität Salzburg erstellt. Herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit.

Elke Weichenberger
Obfrau


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  • Ergebnis der Umfrage 2006 [PDF Dokument]
  • Fragebogen Umfrage 2006 [PDF Dokument]